Barclay James Harvest: Die britische Band, die in Deutschland größer wurde

Barclay James Harvest gehörten zu jenen britischen Rockbands, deren Karriere außerhalb ihrer Heimat eine erstaunliche Wendung nahm. Während sie in Großbritannien nie ganz in die erste Reihe der großen Rocknamen aufstiegen, entwickelte sich besonders Deutschland zu einem ihrer wichtigsten Märkte. In den Achtzigerjahren erreichte diese ungewöhnliche Verbindung ihren Höhepunkt. Große Konzerte in Berlin, erfolgreiche Alben und Songs wie „Life Is for Living“ machten die Band hierzulande zu einer festen Größe.

Wie entstand Barclay James Harvest?

Die Band wurde Ende der Sechzigerjahre im englischen Oldham gegründet. Zur klassischen Besetzung gehörten John Lees, Les Holroyd, Stuart „Woolly“ Wolstenholme und Mel Pritchard. Musikalisch verbanden Barclay James Harvest Rock mit melodischen, teilweise symphonischen Arrangements. Besonders Wolstenholmes Keyboards und Mellotron prägten den frühen Klang.

In den Siebzigerjahren veröffentlichte die Gruppe eine Reihe von Alben, darunter „Everyone Is Everybody Else“, „Octoberon“ und „Gone to Earth“. Letzteres wurde vor allem in Deutschland zu einem langfristigen Erfolg. Die Band entwickelte hier eine ungewöhnlich treue Fangemeinde, während ihre kommerzielle Bedeutung in Großbritannien vergleichsweise begrenzt blieb.

1979 verließ Woolly Wolstenholme die Gruppe. Barclay James Harvest machten als Trio weiter. Das im selben Jahr erschienene Album „Eyes of the Universe“ leitete eine Phase ein, in der ihr Klang zugänglicher wurde und die Erfolge auf dem europäischen Kontinent weiter zunahmen.

Warum waren Barclay James Harvest in Deutschland so erfolgreich?

Der wohl wichtigste Moment der Bandgeschichte in Deutschland kam am 30. August 1980. Barclay James Harvest spielten ein kostenloses Konzert vor dem Reichstagsgebäude in West-Berlin. Nach Polizeischätzungen kamen etwa 175.000 Menschen. Für eine Band, die in ihrer britischen Heimat keinen vergleichbaren Status besaß, war das eine außergewöhnliche Kulisse.

Das Konzert fiel zudem in eine politisch besondere Zeit. Der Reichstag lag unmittelbar an der Berliner Mauer, und die Musik war auch im Ostteil der Stadt zu hören. Der Auftritt wurde damit weit mehr als ein gewöhnliches Rockkonzert. Er wurde zu einem Ereignis, das sich tief in die Erinnerung vieler deutscher Fans einprägte.

Passend dazu entwickelte sich „Life Is for Living“ zu einem der bekanntesten Songs der Band und erreichte in Deutschland Platz zwei der Singlecharts. Das 1981 veröffentlichte Album „Turn of the Tide“ gelangte ebenfalls bis auf Platz zwei. Der Mitschnitt des Berliner Konzerts erschien später unter dem Titel „Berlin – A Concert for the People“ und erreichte 1982 sogar Platz eins der deutschen Albumcharts.

Was machte den Sound der Band besonders?

Barclay James Harvest wurden häufig dem Progressive Rock zugerechnet, klangen jedoch meist deutlich melodischer als viele andere Vertreter dieses Genres. Ihre Musik setzte weniger auf technische Virtuosität als auf lange Spannungsbögen, hymnische Melodien und atmosphärische Arrangements. Songs wie „Hymn“, „Mocking Bird“ oder „Child of the Universe“ entwickelten sich über Jahre zu festen Bestandteilen ihres Konzertprogramms.

In den Achtzigerjahren wurde der Klang zunehmend glatter und stärker am zeitgenössischen Rock orientiert. Alben wie „Ring of Changes“ von 1983 und „Victims of Circumstance“ von 1984 blieben besonders in Deutschland erfolgreich. Letzteres erreichte hier Platz vier und in der Schweiz sogar die Spitze der Charts.

1987 kehrte die Band nach Berlin zurück, diesmal in den Ostteil der geteilten Stadt. Im Treptower Park spielten Barclay James Harvest vor mehr als 170.000 Menschen. Der Auftritt wurde später auf dem Livealbum „Glasnost“ dokumentiert.

Damit wurde Berlin zu einem außergewöhnlichen Kapitel ihrer Geschichte. Nur wenige westliche Rockbands waren in beiden Teilen der damals geteilten Stadt vor einem derart großen Publikum aufgetreten. Barclay James Harvest waren nie die lauteste oder spektakulärste Band ihrer Generation. Gerade ihre Mischung aus Melodie, Melancholie und großen musikalischen Bögen schuf jedoch eine besondere Nähe zu ihrem Publikum. In Deutschland wurde daraus eine Verbindung, die weit länger anhielt als ein einzelner Charterfolg.

Nachrichten
30. August 1980 – Stettiner Abkommen, Barclay James Harvest und „Die Bären sind los“

Quellen
▪︎ AllMusic: „Barclay James Harvest – Biography“
▪︎ Barclay James Harvest International Fan Club: „Barclay James Harvest Sales and Charts“
▪︎ laut.de: „Barclay James Harvest – Bandbiografie“

Ein Kommentar zu „Barclay James Harvest: Die britische Band, die in Deutschland größer wurde

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