Am Samstag, dem 19. Juli 1980, richtet sich die Aufmerksamkeit der Fernsehzuschauer nach Moskau. Im Lenin-Zentralstadion werden die Olympischen Sommerspiele mit einer aufwendig inszenierten Feier eröffnet – überschattet vom internationalen Boykott gegen die sowjetische Politik in Afghanistan. In Seattle treffen Black Sabbath und Blue Öyster Cult bei einem großen Stadionkonzert aufeinander, während U2 im englischen Derby noch vor einem vergleichsweise kleinen Publikum spielen. Die britischen Charts melden einen kräftigen Sprung für Kate Bush. In New York stirbt mit Hans Joachim Morgenthau einer der einflussreichsten politischen Denker seiner Zeit.
Die Geschichte des Tages: Moskau eröffnet Olympische Spiele zwischen Fest und Protest
Um 16 Uhr beginnt im Lenin-Zentralstadion in Moskau die Eröffnungsfeier der XXII. Olympischen Sommerspiele. Das Läuten der Kreml-Uhr bildet den Auftakt zu einem Programm, das Sport, Folklore, Massengymnastik und politische Selbstdarstellung miteinander verbindet. Mehrere Tausend Mitwirkende verwandeln Spielfeld und Tribünen in ständig wechselnde Bilder.
Der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew erklärt die Spiele offiziell für eröffnet. Der Basketballspieler Sergei Below, Olympiasieger von 1972, trägt die Fackel die letzten Meter und entzündet das Feuer im Stadion. Der Turner Nikolai Andrianow spricht den Eid der Athleten. Erstmals bei Olympischen Spielen wird außerdem ein eigener Eid der Kampfrichter abgelegt.
Für die Sowjetunion sind es die ersten Olympischen Sommerspiele in einem kommunistisch regierten Land. Die Veranstalter wollen ein modernes, leistungsfähiges und gastfreundliches Land zeigen. Die farbigen Formationen auf den Tribünen, die exakt einstudierten Bewegungen und das Maskottchen Mischa gehören zu einer Inszenierung, in der kaum etwas dem Zufall überlassen bleibt.
Doch die politischen Spannungen lassen sich nicht ausblenden. Die Vereinigten Staaten und zahlreiche weitere Länder nehmen aus Protest gegen den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan nicht an den Spielen teil. Andere Delegationen erscheinen unter der olympischen Fahne oder verzichten auf ihre nationalen Symbole. Das Teilnehmerfeld ist dadurch deutlich kleiner als ursprünglich erwartet.
Im Stadion stehen festliche Bilder und politische Distanz unmittelbar nebeneinander. Für die Zuschauer an den Fernsehgeräten bleibt dennoch vor allem der technische und organisatorische Aufwand sichtbar: Kameras erfassen die Formationen aus mehreren Blickwinkeln, während die Bilder über Satelliten und internationale Leitungen in zahlreiche Länder übertragen werden.
Heute beginnen allerdings noch nicht die großen sportlichen Entscheidungen. Der 19. Juli gehört zunächst dem Einzug der Mannschaften, dem olympischen Feuer und der sorgfältig geplanten Darstellung eines Gastgeberlandes, das die Spiele als weltweites Schaufenster nutzen möchte.
Musik, Songs und Künstler
Black Sabbath präsentiert Ronnie James Dio in Seattle
Im Memorial Stadium von Seattle treten heute Black Sabbath und Blue Öyster Cult gemeinsam auf. Für Black Sabbath ist das Konzert Teil eines musikalischen Neubeginns. Ronnie James Dio hat Ozzy Osbourne als Sänger ersetzt und steht mit der Band auf der Tournee zum Album „Heaven and Hell“ auf der Bühne.
Dios kräftige und kontrollierte Stimme verändert den Charakter der Gruppe. Die schweren Gitarrenriffs von Tony Iommi bleiben erhalten, wirken nun aber in stärker ausgearbeiteten Liedstrukturen. Stücke wie „Neon Knights“ und „Heaven and Hell“ stehen neben älteren Titeln aus der Zeit mit Ozzy Osbourne.
Blue Öyster Cult verbinden harte Gitarren mit mehrstimmigem Gesang und sorgfältig gebauten Arrangements. Das gemeinsame Stadionkonzert bringt damit zwei Bands zusammen, die aus ähnlichen musikalischen Wurzeln stammen, sich aber hörbar unterschiedlich entwickelt haben.
U2 spielt im ehemaligen Kino von Derby
Im Ajanta Cinema in Derby tritt heute die irische Band U2 auf. Der Veranstaltungsort ist ein früheres Kino, das inzwischen für Konzerte genutzt wird. Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen Jr. befinden sich noch am Anfang ihrer Laufbahn außerhalb Irlands.
Das Programm enthält frühe Stücke wie „11 O’Clock Tick Tock“. Die Band arbeitet mit einer vergleichsweise kleinen Besetzung: Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang müssen den gesamten Bühnenklang tragen. The Edge verwendet wiederholte Gitarrenfiguren und Echoeffekte, während Bono den direkten Kontakt zum Publikum sucht.
Der Auftritt findet nur acht Tage vor dem großen Freiluftfestival von Leixlip statt, bei dem U2 vor einem wesentlich größeren Publikum spielen werden. Heute ist die Umgebung noch deutlich überschaubarer: ein umgebautes Kino in einer englischen Industriestadt.
Film und Fernsehen
Die Olympia-Eröffnung wird zum internationalen Fernsehereignis
Die Eröffnungsfeier in Moskau ist heute nicht nur eine Veranstaltung für die Zuschauer im Stadion. Fernsehanstalten in zahlreichen Ländern übernehmen die Bilder aus dem Lenin-Zentralstadion und begleiten den Einzug der Mannschaften mit eigenen Kommentatoren.
Die Übertragung zeigt, wie stark internationale Großereignisse inzwischen vom Fernsehen geprägt werden. Unterschiedliche Kamerapositionen, Zeitlupen und Überblicksaufnahmen verwandeln die streng geplanten Formationen in ein Programm, das speziell für den Bildschirm funktioniert.
Gleichzeitig stehen die Redaktionen vor einer schwierigen Aufgabe. Sie müssen die farbenreiche Inszenierung zeigen, ohne den politischen Streit um den Boykott auszublenden. So wird die Eröffnungsfeier zugleich Sportübertragung, Unterhaltungssendung und politische Berichterstattung.
Menschen und Geschichten
Athleten marschieren nicht immer unter ihrer Nationalflagge
Beim traditionellen Einzug der Mannschaften entsteht heute ein ungewöhnliches Bild. Mehrere Delegationen, deren Länder den Boykott unterstützen, deren Sportler aber dennoch antreten, verwenden statt ihrer Nationalflagge die olympische Fahne.
Damit versuchen die Athleten, zwischen ihrer sportlichen Teilnahme und der politischen Haltung ihrer Regierungen zu unterscheiden. Einige Mannschaften bleiben der Parade ganz fern. Andere treten verkleinert oder unter neutralen Symbolen auf.
Für die Teilnehmer ist die Situation persönlich schwierig. Viele haben jahrelang trainiert, stehen nun aber unter dem Druck, ihre Anwesenheit öffentlich rechtfertigen zu müssen. Der Einmarsch, normalerweise ein festlicher Moment, wird dadurch selbst zu einer politischen Aussage.
Technik, Spiele, Mode und Alltag
Tausende Menschen erzeugen bewegte Bilder ohne Bildschirm
Eine der auffälligsten technischen Leistungen der Eröffnungsfeier befindet sich nicht auf dem Spielfeld, sondern auf einer Stadiontribüne. Tausende Mitwirkende halten farbige Tafeln, Fahnen und andere Gegenstände hoch und wechseln sie nach einem genau festgelegten Ablauf.
Auf diese Weise entstehen riesige Mosaike, die sich aus der Entfernung wie bewegte Bilder lesen lassen. Jede einzelne Person bildet dabei nur einen kleinen Farbpunkt. Erst das präzise Zusammenspiel aller Beteiligten macht Figuren, Symbole und Schriftzüge erkennbar.
Die Wirkung erinnert an ein elektronisches Bildraster, entsteht jedoch vollständig durch menschliche Bewegung. Fehler einzelner Teilnehmer würden sofort als falscher Farbpunkt sichtbar. Die Darstellung verlangt deshalb wochenlange Proben und eine sekundengenaue Koordination.
Die Charts
Kate Bush erreicht mit „Babooshka“ die britischen Top Ten
Kate Bush steigt mit „Babooshka“ in der britischen Singlehitparade von Platz 16 auf Platz sieben. Der Titel befindet sich in seiner dritten Chartwoche und erreicht damit erstmals die Top Ten.
In dem Lied prüft eine Frau die Treue ihres Partners, indem sie ihm unter dem erfundenen Namen Babooshka Briefe schreibt. Bush trägt die Geschichte mit stark wechselnder Stimme vor: zurückhaltend in den Strophen, schärfer und eindringlicher im Refrain.
Auch musikalisch lebt die Aufnahme von Gegensätzen. Klavier und Synthesizer treffen auf einen markanten, beinahe metallischen Rhythmus. Der Bass wird von John Giblin gespielt, während die ungewöhnlichen Schlagzeugakzente die dramatische Handlung verstärken.
Der Sprung um neun Positionen macht „Babooshka“ zu einer der auffälligsten noch nicht verwendeten Entwicklungen der an diesem Samstag gültigen britischen Chartausgabe.
Die Nummer-eins-Titel
Deutsche Singlecharts: „Funkytown“ von Lipps, Inc.
Deutsche Albumcharts: Keine ausreichend zuverlässig belegte Angabe.
Britische Singlecharts: „Xanadu“ von Olivia Newton-John und Electric Light Orchestra.
Britische Albumcharts: Keine ausreichend zuverlässig belegte Angabe.
Billboard Hot 100: „It’s Still Rock and Roll to Me“ von Billy Joel.
Amerikanische Albumcharts: „Glass Houses“ von Billy Joel.
Weltgeschehen in Kürze
Moskau: Leonid Breschnew eröffnet die Olympischen Sommerspiele im Lenin-Zentralstadion. Die Feier findet unter dem Eindruck des von den Vereinigten Staaten angeführten Boykotts statt, mit dem zahlreiche Staaten gegen den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan protestieren.
Geburtstage
Brian May, Gitarrist der britischen Rockgruppe Queen, wird heute 33 Jahre alt.
Die amerikanische Sängerin Vikki Carr feiert ihren 39. Geburtstag.
Der amerikanische Musiker Bernie Leadon, Gründungsmitglied der Eagles, wird 33 Jahre alt.
Der rumänische Tennisspieler Ilie Năstase feiert seinen 34. Geburtstag.
Abschiede
Hans Joachim Morgenthau stirbt in New York
Der deutsch-amerikanische Politikwissenschaftler Hans Joachim Morgenthau stirbt heute im Alter von 76 Jahren in New York. Der aus Deutschland stammende Jurist hatte das Land während der nationalsozialistischen Herrschaft verlassen und später in den Vereinigten Staaten gelehrt.
Morgenthau gehört zu den bekanntesten Vertretern der realistischen Schule der internationalen Politik. Ihr Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Staaten ihre Entscheidungen vor allem nach Macht, Sicherheit und eigenen Interessen treffen.
Seine Arbeiten werden an Universitäten breit diskutiert und beeinflussen die amerikanische Außenpolitikdebatte. Morgenthau äußerte sich zugleich kritisch zum Vietnamkrieg und warnte davor, militärische Macht mit politischem Erfolg gleichzusetzen.
Quellenverzeichnis
Redaktionsarchiv
„Heute in den 80ern“. Finaler Prompt 4.0 mit Redaktionsarchiv und Wiederholungsschutz, Einträge vom 20. bis 27. Juli 1980.
Geschichte des Tages, Film und Fernsehen sowie Menschen und Geschichten
Klose, Kevin: „Mixture of Pageantry, Acrimony: Moscow Extravaganza Opens Olympics“. The Washington Post, 20. Juli 1980.
Olympic Collection: „XXII Summer International Olympic Games“. Historische Übersicht der Olympischen Spiele in Moskau.
New Zealand Olympic Committee: „Moscow 1980“. Historische Darstellung des Boykotts und der teilnehmenden Mannschaften.
International Institute for Sport History: „Opening Ceremonies of the 1980 Olympic Games“.
Musik, Songs und Künstler
Concert Archives: „Blue Öyster Cult / Black Sabbath, Memorial Stadium, Seattle“. Konzertarchiv, 19. Juli 1980.
Concert Archives: „U2, Ajanta Cinema, Derby“. Konzertarchiv, 19. Juli 1980.
Technik, Spiele, Mode und Alltag
Moscow Main Archive: Dokumentation der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 1980.
Charts
Official Charts Company: Britische Singlecharts, Ausgabe vom 13. bis 19. Juli 1980.
Billboard: „Hot 100“. Ausgabe vom 19. Juli 1980.
Billboard: „Top LPs & Tape“. Ausgabe vom 19. Juli 1980.
Geburtstage
Brian May Official Website: „On This Day in Queen History – 19 July“.
Abschiede
Deutsche Digitale Bibliothek: „Hans Joachim Morgenthau“. Personendaten.
Haus der Bayerischen Geschichte: „Hans Joachim Morgenthau“. Biografische Datenbank.