1980 waren U2 eine junge irische Band, deren Debütalbum Boy außerhalb der Rockszene noch keine großen Wellen schlug. Sieben Jahre später standen Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen Jr. auf dem Titelblatt des amerikanischen Magazins Time. Dazwischen lag keine einfache Erfolgsgeschichte, sondern eine bemerkenswerte Entwicklung. U2 fanden einen eigenen Klang, machten politische und religiöse Fragen zum Bestandteil ihrer Musik und lernten zugleich, wie sich diese Themen vor Zehntausenden Menschen vermitteln ließen. Gerade diese Verbindung machte die Band zu einem der prägenden Rockphänomene der 1980er.
Was machte den Sound von U2 so besonders?
U2 passten nur teilweise in die musikalischen Schubladen ihrer Anfangsjahre. Die Energie des Post-Punk war auf Boy noch deutlich zu hören, doch die Band setzte früh auf etwas anderes als Härte oder technische Virtuosität. The Edge spielte seine Gitarre häufig nicht wie ein klassischer Rockgitarrist. Wiederholte Figuren, offene Akkorde und Echoeffekte erzeugten einen weiten Klangraum, während Larry Mullen Jr. und Adam Clayton für ein vergleichsweise geradliniges rhythmisches Fundament sorgten. Darüber stand Bono, dessen Gesang und Bühnenauftritte zunehmend von großer emotionaler Intensität geprägt waren.
Mit War wurde diese musikalische Sprache 1983 politischer und unmittelbarer. Das Album erreichte Platz eins in Großbritannien. Sunday Bloody Sunday beschäftigte sich mit der Gewalt des Nordirlandkonflikts, ohne daraus ein Bekenntnis zu einer der Konfliktparteien zu machen. New Year’s Day verband ebenfalls einen großen, eingängigen Rocksong mit einem politischen Hintergrund. U2 wirkten dadurch anders als viele erfolgreiche Bands ihrer Zeit: Ihre Musik sollte nicht nur unterhalten, sondern Fragen stellen.
Wie wurden U2 von einer Rockband zu einem Ereignis?
Der nächste entscheidende Schritt bestand gerade darin, den erfolgreichen Klang von War nicht einfach zu wiederholen. Für The Unforgettable Fire arbeiteten U2 1984 erstmals mit Brian Eno und Daniel Lanois. Die Musik wurde atmosphärischer, weniger kantig und teilweise experimenteller. Mit Pride (In the Name of Love) über Martin Luther King Jr. gelang der Band zugleich ein Song, der ihre politischen und spirituellen Interessen mit einem großen Refrain verband.
Wie stark U2 inzwischen auch als Liveband wirkten, zeigte sich beim Live-Aid-Konzert am 13. Juli 1985 im Wembley-Stadion. Besonders Bono nutzte die Bühne nicht nur als Sänger, sondern als direkten Kontakt zum Publikum. Diese Fähigkeit wurde für den weiteren Aufstieg entscheidend. U2 konnten persönliche und politische Themen so präsentieren, dass sie selbst in einem Stadion nicht abstrakt wirkten.
Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildete The Joshua Tree von 1987. Das Album beschäftigte sich intensiv mit Amerika, allerdings nicht als unkritische Liebeserklärung. Faszination und Skepsis standen nebeneinander. Songs wie With or Without You und I Still Haven’t Found What I’m Looking For machten U2 endgültig zu einer weltweiten Erfolgsband. The Joshua Tree erreichte als erstes U2-Album Platz eins der US-Charts. Im April 1987 setzte Time die vier Musiker auf sein Titelblatt und beschrieb eine Band, bei der Rockmusik und gesellschaftliches Engagement kaum voneinander zu trennen waren. Bei den Grammy Awards 1988 wurde The Joshua Tree schließlich als Album des Jahres ausgezeichnet.
Warum gerieten U2 am Ende der 80er in die Kritik?
Mit dem Erfolg wuchs jedoch auch der Anspruch. Auf Rattle and Hum von 1988 beschäftigten sich U2 offen mit amerikanischem Blues, Gospel und Rockgeschichte, nahmen in den Sun Studios in Memphis auf und arbeiteten mit B.B. King. Was als Suche nach musikalischen Wurzeln gedacht war, wurde von Teilen der Presse als Selbstüberschätzung wahrgenommen. Andere Kritiker verteidigten gerade den Mut der Band, nach ihrem größten Erfolg nicht einfach dieselbe Formel zu wiederholen.
Damit endeten die 1980er für U2 an einem bemerkenswerten Punkt. Die vier Dubliner hatten erreicht, wovon junge Bands gewöhnlich nur träumen konnten, mussten nun aber herausfinden, wie man nach dem Aufstieg zur Weltband überhaupt weitermacht. Gerade darin liegt die Bedeutung ihrer 80er-Jahre: U2 wurden nicht groß, weil sie früh eine Erfolgsformel fanden und beibehielten, sondern weil sie ihren Klang, ihre Themen und schließlich auch ihre eigene Rolle als Rockband immer wieder infrage stellten.
Quellen
▪︎ U2: „War“
▪︎ Time: „U2: Band on The Run“
▪︎ Recording Academy: „GRAMMY Rewind: U2 Win Their First-Ever GRAMMY For ‘The Joshua Tree’ In 1988“
▪︎ Los Angeles Times: „The First Temptation of U2“