Deng Xiaoping war weder Staatspräsident noch über längere Zeit Regierungschef oder Generalsekretär der Kommunistischen Partei. Trotzdem bestimmte kaum ein anderer Politiker die Entwicklung Chinas nach Mao Zedong so stark wie er. Seit Ende der 1970er Jahre verband sich sein Name mit wirtschaftlicher Öffnung, vorsichtigen Marktmechanismen und einem pragmatischeren Umgang mit kommunistischer Wirtschaftspolitik. Gleichzeitig blieb Deng ein Vertreter eines autoritären politischen Systems, das seine Macht nicht grundsätzlich zur Diskussion stellte.
Wie kam Deng Xiaoping an die Macht?
Deng wurde 1904 in der Provinz Sichuan geboren. Als Jugendlicher ging er nach Frankreich, wo er mit kommunistischen Ideen in Kontakt kam und sich der chinesischen kommunistischen Bewegung anschloss. Nach seiner Rückkehr nach China stieg er innerhalb der Kommunistischen Partei auf und gehörte nach der Gründung der Volksrepublik 1949 zu deren führenden Funktionären.
Sein Verhältnis zu Mao Zedong war jedoch keineswegs geradlinig. Während der Kulturrevolution verlor Deng mehrfach seine politischen Ämter und wurde öffentlich kritisiert. Nach Maos Tod 1976 gelang ihm die Rückkehr an die Spitze. Schrittweise setzte er sich gegen Hua Guofeng und andere Vertreter einer stärkeren Fortsetzung der bisherigen maoistischen Linie durch.
Bemerkenswert war, dass Deng seine Macht nicht vor allem aus einem einzelnen Spitzenamt bezog. Sein Einfluss beruhte auf seiner Stellung innerhalb der Parteiführung, seiner politischen Erfahrung und später auch auf seiner Rolle in der Zentralen Militärkommission.
Welche Reformen leitete Deng Xiaoping ein?
Seit 1978 verlagerte die chinesische Führung ihren Schwerpunkt zunehmend auf wirtschaftliche Entwicklung. Landwirtschaftliche Betriebe erhielten mehr Eigenverantwortung, private wirtschaftliche Tätigkeit wurde in begrenztem Umfang zugelassen und staatliche Unternehmen bekamen schrittweise größere Entscheidungsspielräume.
Besonders sichtbar wurde die Öffnung durch die Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen, in denen ausländische Investitionen und neue Wirtschaftsformen erprobt wurden. Statt die gesamte Planwirtschaft auf einmal abzuschaffen, setzte die chinesische Führung auf schrittweise Veränderungen und regionale Experimente.
Dieser Ansatz war typisch für Deng. Ideologische Reinheit spielte für ihn eine geringere Rolle als die Frage, ob eine Maßnahme wirtschaftlich funktionierte. China blieb offiziell sozialistisch, übernahm aber zunehmend Elemente einer Marktwirtschaft. Aus dieser Verbindung entwickelte sich später das Modell einer „sozialistischen Marktwirtschaft“.
Die Veränderungen hatten enorme Folgen. China öffnete sich stärker für Handel und ausländisches Kapital, die wirtschaftliche Produktion wuchs schnell und für große Teile der Bevölkerung verbesserten sich die materiellen Lebensbedingungen erheblich. Gleichzeitig entstanden neue soziale Unterschiede und wirtschaftliche Spannungen.
Was wollte Deng Xiaoping politisch verändern?
Weniger bekannt ist, dass Deng Anfang der 1980er Jahre auch Veränderungen im Partei- und Staatsapparat forderte. In einer wichtigen Rede vom 18. August 1980 kritisierte er unter anderem eine übermäßige Konzentration von Macht, Bürokratie und die dauerhafte Besetzung führender Ämter durch ältere Funktionäre.
Er wollte Verantwortlichkeiten klarer ordnen und jüngere Politiker stärker einbinden. Auch staatliche Institutionen sollten effizienter arbeiten. Diese Vorstellungen bedeuteten jedoch keine Abkehr vom Machtmonopol der Kommunistischen Partei. Deng machte ausdrücklich deutlich, dass Reformen die Führung der Partei nicht schwächen sollten.
Damit zeigte sich eine Grenze seines Reformkurses: Wirtschaftliche und organisatorische Veränderungen waren erwünscht, politische Konkurrenz außerhalb des bestehenden Systems jedoch nicht.
Warum bleibt Deng Xiaopings Rolle umstritten?
Dieser Widerspruch wurde 1989 besonders deutlich. Als sich in Peking und anderen chinesischen Städten eine breite Protestbewegung entwickelte, die unter anderem politische Reformen und größere Freiheiten forderte, entschied sich die chinesische Führung für ein gewaltsames Vorgehen. Deng gehörte zu den entscheidenden Machtfiguren hinter dieser Entscheidung. Der Militäreinsatz gegen die Protestbewegung rund um den Tiananmen-Platz wurde zu einem der dunkelsten Kapitel seiner politischen Ära.
Trotzdem setzte Deng später erneut auf wirtschaftliche Öffnung. Mit seiner Reise durch Südchina 1992 gab er Reformen, die nach 1989 ins Stocken geraten waren, neuen Schwung. Bis zu seinem Tod 1997 blieb sein Einfluss auf die politische Richtung Chinas erheblich.
Deng Xiaoping steht deshalb für zwei Entwicklungen, die sich nicht voneinander trennen lassen. Unter seiner Führung begann jene wirtschaftliche Transformation, die China innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend veränderte. Gleichzeitig blieb die politische Macht streng begrenzt und wurde notfalls mit Gewalt verteidigt. Gerade diese Verbindung von wirtschaftlicher Liberalisierung und autoritärer politischer Kontrolle macht Dengs historische Rolle bis heute so bedeutend und zugleich so widersprüchlich.
Quellen
▪︎ Deng Xiaoping: „On the Reform of the System of Party and State Leadership“, 18. August 1980
▪︎ World Bank: Bert Hofman, „Reflections on Forty Years of China’s Reforms“, 1. Februar 2018
▪︎ Botschaft der Volksrepublik China: „China publishes official biography of Deng Xiaoping“, 18. August 2014
▪︎ Encyclopaedia Britannica: „Deng Xiaoping“
Pingback: 18.08.1980 – Peter Gabriel veröffentlicht Biko, Königlich Bayerisches Amtsgericht im ZDF, Explosion bei Gachsaran, Deng Xiaoping fordert politische Reformen | Heute in den 80ern