Reinhold Messner und die Grenzen des Bergsteigens

Reinhold Messner wurde nicht durch einen einzelnen Gipfel bekannt. Seine Bedeutung liegt vielmehr darin, dass er das Höhenbergsteigen grundlegend anders dachte. Statt immer größerer Expeditionen mit Trägern, Sauerstoffflaschen und umfangreicher technischer Unterstützung setzte er auf einen möglichst direkten, reduzierten Stil. Besonders in den 1970er- und 1980er-Jahren verschob er damit die Grenzen dessen, was am Himalaya für möglich gehalten wurde.

Messner wurde 1944 in Brixen in Südtirol geboren und wuchs im Villnößtal in unmittelbarer Nähe der Dolomiten auf. Schon als Kind ging er mit seinem Vater in die Berge. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Günther entwickelte er sich zu einem außergewöhnlich starken Felskletterer. Der Schritt vom heimischen Gebirge zu den höchsten Bergen der Erde führte jedoch zu einer Erfahrung, die sein weiteres Leben entscheidend prägen sollte.

Was geschah mit Messner am Nanga Parbat?

1970 nahm Messner an einer Expedition zum 8125 Meter hohen Nanga Parbat teil. Gemeinsam mit Günther erreichte er den Gipfel. Beim Abstieg kam es zur Katastrophe: Günther Messner verschwand und kam ums Leben. Reinhold überlebte schwer gezeichnet und verlor durch Erfrierungen sieben Zehen sowie Teile einiger Fingerspitzen.

Die genauen Umstände des Todes seines Bruders wurden Jahrzehnte lang kontrovers diskutiert. Andere Expeditionsteilnehmer erhoben später Vorwürfe gegen Reinhold Messner, die dieser entschieden zurückwies. 2005 wurden Überreste Günther Messners auf der Diamir-Seite des Berges gefunden. Der Fund stützte wesentliche Teile von Reinhold Messners Darstellung des gemeinsamen Abstiegs, beendete aber nicht sämtliche Auseinandersetzungen um die Expedition.

Für Messner bedeutete der Nanga Parbat zugleich einen Wendepunkt. Anspruchsvolles Felsklettern wurde durch seine Verletzungen schwieriger. Er konzentrierte sich zunehmend auf das Höhenbergsteigen und entwickelte dabei eine Vorstellung, die für seine weitere Karriere entscheidend wurde: hohe Berge mit möglichst wenig technischer Hilfe zu besteigen.

Warum war die Besteigung ohne Sauerstoff außergewöhnlich?

Gemeinsam mit dem österreichischen Bergsteiger Peter Habeler erreichte Messner 1978 den Gipfel des Mount Everest ohne zusätzlichen Flaschensauerstoff. Bis dahin war umstritten gewesen, ob ein Mensch in dieser extremen Höhe überhaupt ohne künstliche Sauerstoffzufuhr leistungsfähig genug sein könne, um den höchsten Berg der Erde zu besteigen und anschließend wieder sicher abzusteigen.

Messner und Habeler bewiesen, dass es möglich war. Zwei Jahre später ging Messner noch weiter. Er stieg von der tibetischen Seite aus allein auf den Everest und erreichte am 20. August 1980 den Gipfel. Er benötigte vom vorgeschobenen Basislager auf etwa 6500 Metern drei Tage und verzichtete erneut auf zusätzlichen Sauerstoff. Die erste Solo-Besteigung des Everest wurde zu einem der bekanntesten Ereignisse seiner Laufbahn.

Der entscheidende Punkt war dabei nicht nur der Rekord. Messner vertrat eine Form des Bergsteigens, bei der der Mensch möglichst unmittelbar mit dem Berg konfrontiert sein sollte. Weniger Ausrüstung bedeutete für ihn allerdings nicht weniger Gefahr, sondern größere Eigenverantwortung.

Welche Achttausender bestieg Reinhold Messner?

Der Everest blieb nicht Messners einziges großes Ziel. Er bestieg nach und nach sämtliche 14 Berge der Erde, deren Gipfel höher als 8000 Meter liegen. Als er 1986 den Lhotse erreichte, hatte er als erster Mensch alle 14 Achttausender bestiegen. Auch diese Besteigungen gelangen ihm ohne zusätzlichen Flaschensauerstoff.

Seine Laufbahn veränderte damit zugleich das Bild des Extrembergsteigers. Messner wurde nicht nur als Sportler wahrgenommen, sondern als jemand, der öffentlich über Risiko, Angst, Ehrgeiz und die Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit nachdachte. Später zog er sich vom extremen Höhenbergsteigen zurück, schrieb zahlreiche Bücher und gründete die Messner Mountain Museen in Südtirol.

Messners Bedeutung liegt deshalb nicht allein in einer Reihe spektakulärer Erstleistungen. Er prägte eine Vorstellung vom Bergsteigen, bei der Verzicht, Eigenständigkeit und persönliche Verantwortung wichtiger wurden als die Größe einer Expedition. Gerade seine Everest-Besteigungen von 1978 und 1980 machten sichtbar, wie weit sich die Grenzen des scheinbar Unmöglichen verschieben konnten.

Nachrichten
20.08.1980 – Reinhold Messner allein auf dem Mount Everest, Taxi im ZDF, Joe Dassin stirbt auf Tahiti, UN-Sicherheitsrat verabschiedet Resolution 478

Quellen
▪︎ Guinness World Records: „1980: First Solo Summit of Mount Everest“, 18. August 2015
▪︎ Guinness World Records: „First solo summit of Everest“, Rekorddatenbank
▪︎ The Guardian: „Reinhold Messner: this much I know“, 30. März 2003
▪︎ The Guardian: „Mountain gives up its tragic secret“, 18. August 2005

Ein Kommentar zu „Reinhold Messner und die Grenzen des Bergsteigens

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