The Human League: Wie aus Sheffield Synthpop für die Massen wurde

Als The Human League Ende der Siebzigerjahre in Sheffield entstanden, klangen sie noch weit entfernt von jenem glänzenden Pop, mit dem sie wenige Jahre später weltweit die Charts beherrschen sollten. Die Gruppe setzte konsequent auf Synthesizer und elektronische Klänge, lange bevor diese im britischen Mainstream selbstverständlich waren. Doch ausgerechnet eine schwere Krise brachte die entscheidende Veränderung: 1980 zerfiel die ursprüngliche Besetzung. Philip Oakey musste praktisch eine neue Band aufbauen – und schuf damit die Formation, die mit „Dare“ und „Don’t You Want Me“ zu einem der bekanntesten Namen des Synthpop wurde.

Wie entstanden The Human League in Sheffield?

Die Anfänge reichen ins Jahr 1977 zurück. Martyn Ware und Ian Craig Marsh experimentierten in Sheffield mit elektronischer Musik und gründeten gemeinsam mit Sänger Philip Oakey The Human League. Später kam Adrian Wright hinzu, der für visuelle Elemente und schließlich ebenfalls für Synthesizer zuständig war. Statt klassischer Rockinstrumentierung setzte die Gruppe stark auf Elektronik und orientierte sich damit an einer neuen musikalischen Welt, die unter anderem von Kraftwerk beeinflusst worden war.

Die frühen Alben „Reproduction“ von 1979 und „Travelogue“ von 1980 fanden Aufmerksamkeit, machten die Band aber noch nicht zum großen Publikumserfolg. Hinter den Kulissen entstanden zudem unterschiedliche Vorstellungen über die weitere musikalische Richtung. Im Herbst 1980 kam es schließlich zum Bruch: Ware und Marsh verließen die Gruppe und gründeten Heaven 17. Oakey behielt den Namen The Human League und stand plötzlich vor dem Problem, bereits gebuchte Konzerte mit einer neuen Besetzung bestreiten zu müssen.

Wie kamen Joanne Catherall und Susan Ann Sulley zur Band?

Auf der Suche nach Unterstützung stieß Oakey in einem Nachtclub in Sheffield auf die damals noch jugendlichen Joanne Catherall und Susan Ann Sulley. Beide waren keine professionellen Sängerinnen. Oakey holte sie dennoch in die Gruppe, zunächst vor allem für Gesang und Bühnenpräsenz. Aus dieser improvisierten Lösung wurde ein entscheidender Bestandteil des späteren Human-League-Sounds.

Mit Ian Burden und dem früheren Rezillos-Gitarristen Jo Callis wurde die Formation weiter verstärkt. Gleichzeitig arbeitete die Gruppe mit Produzent Martin Rushent an einem zugänglicheren Klang. Elektronik blieb das Fundament, doch die Songs erhielten klarere Melodien, stärkere Refrains und eine Struktur, die wesentlich näher am Pop lag als die frühen Aufnahmen.

Der Durchbruch zeichnete sich 1981 mit „The Sound of the Crowd“ ab, das in Großbritannien die Top 20 erreichte. „Love Action (I Believe in Love)“ und „Open Your Heart“ folgten und machten deutlich, dass die neu formierte Human League nicht nur ihre Krise überstanden hatte, sondern plötzlich auf dem Weg zu einer der erfolgreichsten britischen Popgruppen des Jahres war.

Warum wurde „Dare“ zum großen Durchbruch?

Im Oktober 1981 erschien „Dare“. Das Album verband Synthesizer mit vergleichsweise einfachen, wirkungsvollen Popmelodien und machte aus einem zuvor eher experimentellen Elektronikprojekt eine Band für ein großes Publikum. „Dare“ erreichte Platz eins der britischen Albumcharts und hielt sich über Monate in den Verkaufslisten.

Zum entscheidenden Song wurde allerdings eine Nummer, die Philip Oakey zunächst gar nicht unbedingt als weitere Single veröffentlichen wollte. „Don’t You Want Me“ erzählt einen Beziehungskonflikt aus zwei Perspektiven. Oakey übernimmt den männlichen Part, Susan Ann Sulley antwortet ihm aus Sicht der Frau. Gerade dieses Wechselspiel verlieh dem Stück einen ungewöhnlichen Charakter.

Die Single erschien Ende November 1981 und wurde zum britischen Weihnachts-Nummer-eins-Hit. Fünf Wochen hielt sich „Don’t You Want Me“ an der Spitze der britischen Charts. Später erreichte der Titel auch in den USA Platz eins und machte The Human League endgültig zu einer international erfolgreichen Band.

Was geschah nach „Don’t You Want Me“?

Der enorme Erfolg von „Dare“ ließ sich nicht einfach wiederholen. Das nächste Studioalbum „Hysteria“ erschien erst 1984, nachdem langwierige Aufnahmen und Produzentenwechsel die Arbeit erschwert hatten. Mit „The Lebanon“ und „Louise“ enthielt es erfolgreiche Singles, erreichte aber nicht die Wirkung seines Vorgängers.

1986 gelang The Human League noch einmal ein großer internationaler Hit. Für das Album „Crash“ arbeitete die Gruppe in den USA mit dem Produzententeam Jimmy Jam und Terry Lewis. Die Ballade „Human“ erreichte Platz eins der amerikanischen Billboard Hot 100 und zeigte eine deutlich andere, stärker vom zeitgenössischen R&B geprägte Seite der Band.

Trotz wechselnder Erfolge blieb die klassische Besetzung um Philip Oakey, Joanne Catherall und Susan Ann Sulley eng mit dem Bild des Synthpop der frühen Achtziger verbunden. Besonders „Dare“ zeigte, dass elektronische Musik nicht kühl oder experimentell bleiben musste. Synthesizer konnten ebenso selbstverständlich die Grundlage eines eingängigen Popsongs bilden wie Gitarren, Bass und Schlagzeug.

The Human League standen damit an einem entscheidenden Übergang. Aus den elektronischen Experimenten der späten Siebziger wurde eine neue Form von Popmusik, die das folgende Jahrzehnt prägen sollte. Dass dieser Wandel ausgerechnet nach dem beinahe vollständigen Zerfall der ursprünglichen Band gelang, macht ihre Geschichte besonders bemerkenswert.

Nachrichten
26.08.1980 – Queen in Providence, Hildegard Knef in „Die Drehscheibe“, Tex Avery gestorben, Flugzeugabsturz bei Jakarta

Quellen
▪︎ Official Charts Company: „Human League – Songs and Albums, Full Official Chart History“
▪︎ Official Charts Company: „Don’t You Want Me – Human League“
▪︎ Official Charts Company: „Dare – Human League“

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